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Wenn Enttäuschung keinen Platz hat und unsere Angst, undankbar zu sein

Enttäuschung ist eine natürliche Reaktion auf einen unerfüllten Wunsch.


Sie entsteht dort, wo etwas wichtig war. Dort, wo wir gehofft haben. Dort, wo wir uns auf etwas gefreut haben. Wenn uns etwas egal ist, sind wir selten enttäuscht.


Aber viele von uns sind in Familien aufgewachsen, in denen Enttäuschung keinen Platz hatte. Viele Menschen erleben deshalb auch Scham, wenn sie enttäuscht sind.


Vielleicht haben unsere Eltern sich große Mühe gegeben. Vielleicht haben sie ihr Bestes getan. Vielleicht haben sie uns sehr geliebt und gleichzeitig passierte etwas im Raum sobald wir enttäuscht waren:


Die Aufmerksamkeit verschob sich weg von unserem Erleben und hin zur Leistung des Gebenden.


Dann hörten wir Sätze wie:

“Sei doch mal dankbar.”

“Ich habe mir doch so viel Mühe gegeben.”

“Dein Vater würde alles für dich tun.”


Plötzlich ging es nicht mehr darum, dass etwas in uns unerfüllt blieb. Es ging darum, wie viel jemand gegeben hatte.


So lernen viele Kinder eine schmerzhafte Verwechslung: Liebe wird mit Passung gleichgesetzt.


Wenn jemand sich Mühe gibt, darf ich nichts vermissen und darf nicht enttäuscht sein.

Wenn ich enttäuscht bin, bin ich undankbar.


Doch Liebe und Passung sind zwei verschiedene Dinge.


Jemand kann uns sehr lieben und trotzdem etwas geben, das nicht zu unseren Bedürfnissen passt.


Jemand kann sich aufrichtig bemühen und trotzdem an uns vorbeilieben.


Ein Kind kann geliebt werden und dennoch etwas vermissen. Ein Partner kann geliebt werden und dennoch enttäuscht sein.


Ein Mensch kann dankbar sein und gleichzeitig traurig darüber, dass etwas nicht gepasst hat.


Diese Wahrheiten können nebeneinander existieren.


Vielleicht liegt genau dort ein Raum, den viele von uns nie die Möglichkeit hatten kennenzulernen.


Ein Raum der Passung - jenseits von Schuld und Versagen.

Ein Raum, in dem niemand das Problem ist.


Ein Raum, in dem die Erfahrung des einen die Erfahrung des anderen nicht deckt, aber auch nicht ungültig macht.


Rumi schrieb:


“Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.”


Vielleicht ist dieser Ort auch der Raum, in dem wir erkennen:


Du hast gegeben, was du geben konntest.

Ich habe trotzdem etwas vermisst.

Beides ist wahr.


Enttäuschung beschreibt unser eigenes Erleben. Sie zeigt, dass etwas anders verlaufen ist, als wir es uns gewünscht oder erhofft haben.


Wenn ich sage: “Ich bin enttäuscht”, teile ich einen inneren Zustand mit.


Wenn ich sage: “Ich hatte gehofft, wir verbringen den Morgen zusammen”, spreche ich über einen Wunsch und die Traurigkeit, dass er sich nicht erfüllt hat.


Das Gefühl von Scham oder Undankbarkeit entsteht oft erst später.


Es entsteht durch die Reaktionen, die wir auf unsere Enttäuschung erfahren haben.


Statt Raum für unsere Traurigkeit oder Enttäuschung zu bekommen, wurden wir kritisiert, beschämt oder als undankbar erlebt.


Mit der Zeit entsteht der Eindruck, dass wir das Problem sind, weil wir enttäuscht sind. Dass mit uns etwas nicht stimmt.


Vielleicht brauchen wir keine perfekte Antwort auf unsere Enttäuschung.


Vielleicht brauchen wir zunächst einfach die Erlaubnis, sie zu haben.


Die Erlaubnis, traurig zu sein.

Die Erlaubnis, etwas zu vermissen.

Die Erlaubnis, enttäuscht zu sein.


Und die Erkenntnis, dass unsere Enttäuschung weder unsere Dankbarkeit noch unsere Liebe in Frage stellt.


In gesunden Beziehungen hat Enttäuschung Raum.


Denn die Qualität einer Beziehung zeigt sich nicht daran, ob Enttäuschungen entstehen, sondern wie damit umgegangen wird.


Enttäuschung entsteht überall dort, wo Menschen miteinander leben, lieben und hoffen.


Und die eigentliche Frage lautet:

Was passiert, wenn Enttäuschung auftaucht?


Darf sie da sein? Kann sie gehört werden?


Kann sie für einen Moment im Raum stehen, ohne dass jemand sich verteidigen, rechtfertigen oder schämen muss?


Enttäuschung zeigt, dass uns etwas wichtig war. Dass wir gehofft haben.


Vielleicht beginnt Heilung genau dort.


In dem Moment, in dem wir erkennen, dass Enttäuschung ein Ausdruck von Bedeutung ist.


Dass wir uns Verbindung gewünscht haben.

Dass wir Bedürfnisse hatten, die unerfüllt geblieben sind.


Dass etwas in uns berührt wurde, als sich eine Hoffnung nicht erfüllt hat.


Du hast gegeben, was du geben konntest.

Ich habe trotzdem etwas vermisst.

Beides ist wahr.


Und vielleicht beginnt genau dort die eigentliche Beziehungsfrage:


Wie gehen wir jetzt damit um, ohne die Verbindung zueinander zu verlieren?


Denn am Ende geht es bei Enttäuschung oft gar nicht um das, was fehlt.


Es geht darum, ob eine Beziehung Raum hat für das, was nicht immer passt.


Raum für unterschiedliche Geschmäcker, Bedürfnisse und Erfahrungen.

Raum für unerfüllte Wünsche.

Raum für Enttäuschung.

Raum für zwei Wahrheiten, die gleichzeitig existieren.


Eine Beziehung wird nicht daran gemessen, wie gut alles passt. Sie zeigt sich darin, wie wir mit dem umgehen, was nicht passt.

 
 
 

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