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Reparatur in Beziehungen – warum „Es tut mir leid“ erst der Anfang ist

23. Sept.
4 Min. Lesezeit

Wir verletzen einander.

Auch in guten Beziehungen. Durch Worte, Rückzug, Lautwerden, Abwehr, Unachtsamkeit oder weil wir in einem Moment selbst so überfordert sind, dass wir den anderen kaum noch wahrnehmen können.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Verletzungen passieren.


Die entscheidende Frage ist: Wie gehen wir damit um?


Viele Menschen haben gelernt, dass Reparatur ungefähr so funktioniert:

Ich entschuldige mich. Du nimmst die Entschuldigung an. Dann ist es wieder gut.

Doch genau da beginnt das Problem.

Eine Entschuldigung kann die Tür öffnen.


Aber sie stellt die emotionale Verbindung noch nicht wieder her.


Dafür braucht es wichtige Zwischenschritte, derer sich erstaunlich wenige Menschen bewusst sind, weil wir sie nie gelernt haben.


1. Das eigene Verhalten anerkennen

Ich sehe, was ich getan habe.

Das ist häufig sehr emotional und alles andere als einfach, sich einzugestehen.

Denn sobald wir merken, dass wir jemanden verletzt haben, tauchen schnell Scham, Schuld, Angst oder der Impuls auf, uns selbst zu erklären.

Dann wird aus: „Ich war laut.“

sehr schnell: „Ja, aber du hast vorher …“


Und schon verschiebt sich das Gespräch vom Erleben des anderen zu unserer eigenen Verteidigung.


Anerkennen bedeutet zunächst erst einmal nur, die eigene Handlung wahrnehmen zu können, ohne sich zu rechtfertigen – und wahrnehmen zu können, dass sie eine Wirkung auf den anderen hatte.


2. Verstehen wollen

Danach beginnt der Teil, der in fast allen Konflikten in der Reparatur fehlt:

Verstehen wollen. Dazu braucht es Neugier.


Zu Neugier haben wir eigentlich nur Zugriff, wenn wir nicht im aktivierten Fight-or-Flight-Modus sind. Neugier ist das Gegenteil von Kontrolle, Machtspiel, Ich habe recht und du bist falsch.


Neugier fragt:

Was ist eigentlich passiert?

Wie hast du diesen Moment erlebt?

Was hat das in dir ausgelöst?


Neugier hat keine Agenda. Sie fragt nicht:

„Geht’s dir jetzt wieder gut?“

Es geht um Klarheit und um Verbindung mit dem anderen – mit dem, was er erlebt hat.

Das ist einer der wichtigsten Schritte, damit sich der andere mit seiner Verletzung nicht allein gelassen fühlt.


3. Die Wirkung anerkennen

Vielleicht habe ich all das nicht gemeint.

Vielleicht war ich überfordert.

Vielleicht war ich selbst gestresst.

Und gleichzeitig hat mein Verhalten bei dir etwas ausgelöst.


Meine innere Realität und deine Erfahrung haben gleichzeitig im Raum Platz.

Und ich kann sehen:

Das ist bei dir angekommen.


Die Wirkung anzuerkennen heißt, die Erfahrung des anderen mit mir ernst zu nehmen – auch wenn meine Absicht eine andere war.

Damit entsteht wieder eine gemeinsame Realität.

Und genau die geht in Konflikten schnell verloren.


4. Die Wirkung eine Weile mittragen

Dieser Teil ist wahrscheinlich einer der schwierigsten.


Der andere trägt gerade die Folgen dessen, was passiert ist.

Vielleicht ist er traurig.

Vielleicht still.

Vielleicht angespannt.

Vielleicht braucht er Abstand.

Und wir können das sehen, ohne sofort etwas tun zu müssen, damit es verschwindet.

Das klingt einfach. Für unser Nervensystem ist es das häufig nicht.


Denn wenn jemand wegen uns verletzt ist, tauchen schnell eigene Reaktionen auf:

Schuld. Scham. Hilflosigkeit.

Angst vor Ablehnung.

Der Wunsch, dass es endlich wieder gut ist.


Reparatur braucht deshalb auch die Fähigkeit, einen gewissen emotionalen Schmerz auszuhalten.

Nicht endlos.

Nicht unter Selbstaufgabe.


Aber lange genug, damit der andere nicht zusätzlich die Aufgabe bekommt, uns von seiner Verletzung zu entlasten.


5. Sich selbst dabei halten, ohne sich selbst zu verlieren

Ein wichtiger Teil von Reparatur ist, wahrzunehmen, was währenddessen in mir selbst passiert.


Ich werde angespannt.

Ich kann nicht mehr richtig zuhören.

Ich gehe in Verteidigung.

Ich brauche gerade mehr Raum.

Auch das kann ich benennen:

„Ich merke, das fällt mir gerade sehr schwer.“

„Ich schäme mich gerade.“

„Ich bin gerade sehr gestresst.“

„Ich möchte dir trotzdem zuhören.“


Oder auch:

„Ich merke, dass ich gerade nicht mehr zuhören kann, obwohl ich das möchte.“

Manchmal reicht genau dieses Benennen schon, um aus der automatischen Reaktion herauszukommen.


Dann kann die nächste Frage sein:

Was brauche ich gerade, damit ich wieder präsent sein kann?

Vielleicht einen Atemzug. Eine kurze Pause.

Etwas Abstand. Orientierung im Raum.

Zeit, um wieder aus der Aktivierung herauszukommen.


Sich selbst dabei halten gehört zur Reparatur dazu. Denn nur wenn ich wieder genug Kapazität habe, kann ich dem anderen wirklich begegnen.


6. Erst dann fragen: Was brauchst du jetzt?

Erst nachdem ich wahrgenommen habe, was in mir selbst passiert und was ich brauche, kommt die Frage an den anderen:


Was brauchst du jetzt?

Denn auch diese Frage kann mit einer versteckten Agenda kommen:

Hoffentlich ist das jetzt bald vorbei.

Sag mir einfach, was ich tun soll, damit es wieder gut ist.


Dann geht es weniger um Verbindung als darum, die unangenehme Situation möglichst schnell zu beenden.


Die andere Frage wäre:

Was kann es jetzt ein bisschen leichter machen? Was kann gerade wieder etwas Verbindung herstellen?


Vielleicht braucht es Verständnis.

Wärme. Ein paar Minuten Ruhe.

Eine Umarmung. Abstand.


Oder einfach die Erfahrung:

Du bist noch da.


7. Wieder Verbindung herstellen

Irgendwann verändert sich die Richtung.

Dann geht es nicht mehr nur darum, was passiert ist.

Sondern darum:

Wie kommen wir wieder zueinander?


„Es tut mir leid, dass ich dich verletzt habe.“

„Ich hab dich lieb.“

„Was können wir beim nächsten Mal anders machen?“

„Was hättest du in diesem Moment gebraucht?“

„Was kannst du sagen, wenn du merkst, dass ich drüber bin?“

„Kannst du mir überhaupt sagen: Du bist gerade drüber?“

„Welche Art zu kommunizieren hilft uns, ohne dass sofort wieder neue Trigger entstehen?“

An diesem Punkt wird Reparatur zu etwas Gemeinsamen.


Wir schauen nicht mehr nur zurück auf die Verletzung, sondern auch nach vorne:


Was können wir daraus lernen?

Reparatur bedeutet dabei nicht, den Konflikt ungeschehen zu machen. Etwas ist passiert.

Aber wir können gemeinsam eine neue Erfahrung danebenstellen:


Wir können uns verletzen – und trotzdem wieder zueinanderfinden.

Wir können Verantwortung übernehmen, ohne uns gegenseitig zu vernichten.


Wir können Schmerz anschauen, ohne daraus einen Kampf darum zu machen, wer recht hat.

Und wir können lernen, nach einem Bruch wieder Verbindung herzustellen.


„Es tut mir leid“ ist eine Tür…

Eine Entschuldigung ist wichtig.

Aber sie ist nur der erste Schritt.


Reparatur entsteht durch etwas Größeres:

durch Anerkennen,

durch Neugier,

durch die Fähigkeit, Wirkung auszuhalten,

durch Selbstregulation

und irgendwann durch die gemeinsame Bewegung zurück in Verbindung.


Vielleicht ist genau das die eigentliche Beziehungsfähigkeit:


nicht niemals jemanden zu verletzen.

Sondern nach einer Verletzung sagen zu können:


Ich sehe, was passiert ist und ich möchte verstehen, was es mit dir gemacht hat.


Ich kann hierbleiben und ich möchte mit dir wieder Verbindung herstellen.


 
 
 

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